Tanz- und Folkloreensemble "Ihna"

aus Erlangen


Chronik

Laudatio
aus Anlass der Verleihung des Ehrenbriefes der Stadt Erlangen
für besondere Verdienste um das kulturelle Leben
am 6. November 2005
im Rahmen eines bunten Folklorenachmittags
des Tanz- und Folkloreensembles „Ihna“
für


Herrn Eike Haenel

 

Sehr geehrter Herr Haenel,
sehr geehrte Frau Haenel,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

 ein Folklorenachmittag mit einem temperamentvollen Programm des Tanz- und Folkloreensembles „Ihna“, mit einer verzaubernden Prachtfülle von verschiedenen Trachten ist für Sie, lieber Herrn Haenel, der persönlichste und beste Rahmen, um den kulturellen Ehrenbrief der Stadt Erlangen zu erhalten.

Sie wurden 1938 in Berlin geboren. Nach kurzer Zeit in Berlin zog Ihre Familie nach Greifenberg zurück, denn diese Stadt und Pommern, als Teil des damaligen Deutschlands, war seit dem 14. Jahrhundert die Heimat Ihrer Familie. Die Ereignisse des 2. Weltkrieges machten Sie und Ihre Familie heimatlos. Über Schleswig-Holstein und Hildesheim kam Ihre Familie im Jahr 1951 nach Erlangen, in eine Stadt, in der Ihre schulische und berufliche  Entwicklung stattfand. Sie erlernten bei der Firma Sylvania den Beruf eines Industriekaufmanns, der Sie jedoch nicht sehr lange zu binden vermochte. Bei der Stadt Erlangen fanden Sie 1970 als Verwaltungsleiter den Einstieg, kehrten nochmals für kurze Zeit in die freie Wirtschaft zurück, um dort endgültig zu erkennen, dass Ihre kreativen und organisatorischen Fähigkeiten am besten im Kultur und Freizeitbereich wirksam werden können. Deshalb traten Sie wieder, und dieses Mal endgültig, in den städtischen Dienst. Sie waren zunächst Organisator für Kulturveranstaltungen und Festivals und übernahmen, nach weiteren verschiedenen Aufgaben im damaligen Freizeitamt bis zu Ihrer Pensionierung, die Amtsleitung.

Zu Ihrem persönlichen Werdegang muss ergänzt werden, dass Sie weitere, sehr markante Merkmale besitzen. Es sind dies Ihr Geschichtsbewusstsein und Ihre Verbundenheit und Liebe zu Pommern, der Heimat Ihrer Familie. Ihre Eltern sorgten durch ihr aktives Tun dafür, dass Sie diese persönlichen Merkmale ausprägen konnten. Ihre Eltern waren es, die nach ihrer Ankunft in Erlangen begannen, das pommersche und ostdeutsche Kulturgut zu pflegen und sie haben es dabei verstanden, Sie als jungen Menschen dafür zu begeistern. Dies war leicht, denn über eine mit Herz und Verstand betriebene Jugendarbeit, verbunden mit der Pflege von Musik, Tanz, Lied, Brauchtum und dem Erhalt von Trachten aus der ehemaligen Heimat, fanden Sie den Zugang zu Ihren Wurzeln. Sie wuchsen  in die ehrenamtliche Tätigkeit der Erlanger Pommernjugend hinein und übernahmen schrittweise immer mehr Aufgaben und Funktionen.

Bei der Kulturgutspflege in Verbindung mit der Jugendarbeit war es Ihnen immer sehr wichtig, neue Impulse zu setzen und Weiterentwicklungen zu betreiben, um damit eine positive Zukunftsorientierung zu verdeutlichen. Neben der Sammlung von alten Choreografien betrieben Sie deshalb als ambitionierter, autodidaktisch gebildeter Folklore-Choreograph die zeitgemäße Umsetzung von traditionellen Folkloretänzen und sicherten damit bis heute breiteste Publikumserfolge. Aber auch Geschichten und Bräuche aus Pommern wurden von Ihnen aufwändig gesammelt und als Mitautor in einem Buch der Europäischen Märchengesellschaft mit dem Titel „Spiel, Tanz und Märchen“ veröffentlicht.

Ihr persönlicher, ehrenamtlicher Einsatz reicht bis ins Jahr 1957 zurück. Mit überragendem Einsatz verfolgten Sie seit diesem Zeitpunkt das Ziel, verschiedene Folkloretanzgruppen  aufzubauen und zu leiten. Dies geschah seit 1967 vor allem mit der Tanzdeel „Rega“. Mit dieser Gruppe und deren Folkloredarbietungen überschritten Sie die Stadtgrenzen von Erlangen und erreichten eine breite nationale und internationale Öffentlichkeit.

Ein ganz besonderer Blick ist auf das Jahr 1971 zu richten, das Gründungsjahr der Tanz- und Speeldeel „Ihna“. Mit diesem Folkloreensemble, dessen künstlerischer Leiter Sie sind, haben Sie eine Erfolgsstory geschrieben. Bereits nach gut einem Jahr hatte dieses Ensemble ein semiprofessionelles Niveau erreicht, das es ermöglichte, in Europa und Übersee sein abendfüllendes Programm bestehend aus deutschen Volks-, Kult- und Zunfttänzen, aus Volksliedern und Tanzpotpourris zu zeigen. Besonders erwähnenswert sind dabei die großen Eurovisions- Fernsehsendungen in den 80iger Jahren, mit denen ein Millionenpublikum in Europa und der ganzen Welt erreicht wurde.

Ein sehr großes persönliches Anliegen war für Sie seit jeher die deutsch-polnische Verständigung. 1975 schickte Sie die Stadt Erlangen zur Vorbereitung der Polnischen Wochen nach Warschau. Bereits 1976 unternahm die „Ihna“ als erste Tanzgruppe mit Folklore aus den Vertreibungsgebieten eine Tournee durch Polen und Schlesien. Bis heute sind daraus 11 Tourneen geworden, 15 polnische Tanz- und Musikensembles wurden in Erlangen aufgenommen und fast 500 polnische Kinder und Jugendliche privat in Erlanger Familien untergebracht. Mit diesem ganz praktischen Tun haben Sie, Ihre Tanzgruppen und Ihre vielen Unterstützer dazu beigetragen, dass sich die Menschen in Ost und West bereits vor der politischen Öffnung nach Osten näher gekommen sind.

Ein weiterer Schwerpunkt lag für Sie auf der Unterstützung der deutschen Folklore in Brasilien. Während mehrerer Tourneen durch dieses Land stellten Sie fest, dass im südlichen Brasilien mehr als 300 Tanzgruppen existieren, die ohne entsprechendes Material und unzureichende Kenntnisse versuchten, deutsche Folklore zu pflegen. Diese Feststellung war für Sie der Auftrag eine langanhaltende, differenzierte Unterstützung zu organisieren, die viele intensive Freundschaften hervorbrachte.

Betrachtet man innerhalb Ihres gesamten Schaffens allein die öffentlichen Präsentationen, so erreichten Sie eine riesige Erfolgsbilanz. Bereits zum 40-jährigen Bestehen im Jahr 1997 konnten über 1000 Veranstaltungen in der Bundesrepublik gezählt werden. 40 Auslandstourneen und internationale Jugendbegegnungen förderten die internationale Verständigung. In Erlangen fand fünfmal die mehrtägige Veranstaltung „Folklore der Welt“ unter Beteiligung von Gruppen aus aller Welt statt. Bis zum heutigen Tage ist diese Bilanz noch weiter gewachsen.

Um Erfolge dieses Ausmaßes zu ermöglichen, braucht es eine kontinuierliche Kinder- und Jugendarbeit, um ausreichenden und motivierten Nachwuchs zu gewinnen und heranzubilden. Dies gelingt Ihnen und dem Tanz- und Folkloreensemble „Ihna“ hervorragend, u.a. damit, dass in der Satzung dieses Vereins bereits ein Stimmrecht mit 12 Jahren verankert ist. Heute gibt es zwei Kinder- und eine Jugendtanzgruppe sowie das Ensemble, bei dem man ab 14 Jahren mitwirken kann.

Die jahrzehntelange Jugendarbeit auf gleich bleibend hoher Qualität erfordert einen besonders qualifizierten und ehrenamtlich wirkenden Mitarbeiterstab, der in der „Ihna“ stets vorhanden war und ist. Diesen engagierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Vereins gilt mein ausdrücklicher Dank und meine höchste Anerkennung.

 

Die heutige Ehrung stellt sich in eine Reihe von Auszeichnungen, die bereits erkennen lassen, dass Sie seit langem für die Stadt und das Land bedeutsame Leistungen erbracht haben. Die Titel der Auszeichnungen lauten


·        
Kulturpreis des Wohnstifts am Rathsberg, 1971

·         Pommerscher Kulturpreis, 1974

·         Ostdeutscher Kulturpreis, 1998

·         Ernst-Moritz-Arndt-Medaille, 1999

 

In Anerkennung Ihrer umfassenden Verdienste und Ihres überaus großen persönlichen, ehrenamtlichen Einsatzes überreicht Ihnen, lieber Herr Haenel, die Stadt Erlangen den Kulturellen Ehrenbrief.



Der Ehrenbrief hat folgenden Wortlaut:

 

Ehrenbrief

Die Stadt Erlangen
verleiht

Eike Haenel

in dankbarer Anerkennung
für besondere Verdienste
um das kulturelle Leben
diese Urkunde

Erlangen, den 06.11.2005

Dr. Siegfried Balleis
Oberbürgermeister



Ich gratuliere Ihnen hierzu im Namen des Stadtrates und der Bürgerschaft und wünsche Ihnen weiterhin Gesundheit und Erfolg.