Tanz- und Folkloreensemble "Ihna"

aus Erlangen

Neue Presse, 24.05.2004

Getanzte Geschichte:

Die Hochzeit im Pyritzer Weizacker

Schwertertanz war bereits bei den Römern bekannt / Gruppe hat schon viele Fernsehauftritte hinter sich / Die Trachten sind selbst gemacht


Im Rahmen der Frühjahrsta­gung der europäischen Mär­chengesellschaft in Kronach, die unter dem Motto „Hand­werkskünste in Märchen und Sagen" stand, war am Sams­tagabend die „Tanz- und Speeldeel ihna" aus Erlangen im Kreiskulturraum zu Gast: In ihrem abendfüllenden Programm zeigten die Tänze­rinnen, und Tänzer alte deut­sche Volks-, Kult- und Zunft­tänze und Tanzpotpourris aus den verschiedensten Gegen­den Deutschlands.


KRONACH.
 
Doch die gezeigten Tänze waren nicht nur Tänze: Oft hatten die Auftritte und Choreografien erzählenden Charakter, so dass sich die Tän­zer auch als Schauspieler bewei­sen konnten. Ergänzt wurde das Gesamtbild von der eigenen Musikkapelle, die die Episoden auf der Bühne mit der passen­den, Musik von Flöten, Klarinet­ten, Trommeln und Gitarren er­gänzte. Ein Beispiel für die ge­tanzten Geschichten war zum Beispiel „Die Hochzeit im Pyritzer Weizacker", die früher drei Tage und drei Nächte andauer­ten und bei der die Gäste von Schimmel, dem ziegenhaften Ungeheuer „Schnabbuck" und seinem maskierten Führer mit Späßen auf Trab gehalten wur­den. Ohne diese drei gab es in der Pommerschen Gegend keine Hochzeit, denn sie sollten Glück in die Ehe bringen. Die Braut mit der Brautkrone stand bei einigen Tänzen im Mittelpunkt, so zum Beispiel beim „Brutlüchter­tanz", dem Brautlichtertanz, der nur von Mädchen mit brennen­den Kerzen getanzt wurde, um die Seelen der Urahnen um Zu­stimmung zur Ehe zu bitten.

Mit dem „Rückelreih" wurde die Braut im Pyritzer Weizacker von den verheirateten Frauen aus dem Kreis der Mädchen he­rausgerissen und bekam von ihnen die Haube der verheirateten Frauen aufgesetzt, so dass die Braut erst jetzt wirklich unter derselben ist. Der Leiter des Tanz- und. Folkloreensembles Elke Haenel, der zugleich durch das Abendprogramm führte, in­formierte weiterhin über den Hintergrund der „Perchtentän­ze", die zwischen Weihnachten und Karneval beziehungsweise Fastnacht in ganz Deutschland  weit verbreitet waren und mit denen der Winter ausgetrieben und ein neues fruchtbares Jahr für die Bauern eingeläutet wer­den soll.

Zwei Tänzer, die ihr Gesicht mit bunten Bändern verdeckt hatten und überall Schellen an der Kleidung trugen, zeigten die charakteristischen Stampf­schritte. Die Frauen der Gruppe konnten alleine mit dem „Drei Deiwels Tanz" (Tanz der drei Teufel) überzeugen, der von der deutschen Ostseeküste kommt  und dort in zahlreichen ver­schiedenen Arten getanzt wurde, während die Männer einen der ältesten deutschen Tanz­überlieferungen präsentierten. Schon beim römischen Ge­schichtsschreiber Tacitus, der 55  bis 120 nach Christus lebte, ist  der Schwertertanz in seiner „Germania" erwähnt.

In den letzten 600 Jahren hat er sich in seinen Grundzügen kaum geändert und es steht nach wie vor noch die kultische Mystik der germanischen Glaubensvorstellungen im Vorder­grund. In ihm wird gezeigt, wie ein Mann getötet und wieder zum Leben erweckt wird. Noch heute wird der Tanz an der Ost­seeküste, in Westfalen, Hessen, der Steiermark und lm Salzkam­mergut von Bauern und Handwerkern gepflegt.

Den Zuschauern im Kreiskulturraum stockte bei diesem Tanz wohl das ein oder andere Mal der Atem. Neben den rhythmischen Trommelsal­ven, die den Tanz und das Schwertergeklapper begleiteten, gehörten auch waghalsige Figu­ren zur Choreografie. Mit dem Tanzspiel „Der Eiertanz"' brachte die Truppe unter der Leitung von Eike Haenel die Zuschauer aber dann zum Lachen und Schmunzeln Ein tollpatschiges Dorfmädchen versucht, mit al­lerlei Kunststücken auf sich auf­merksam zu machen, um die Dorfburschen, zu beeindrucken. Das Resultat ist aber, dass sich sowohl die jungen als auch die anderen Mädchen über die Eier­verkäuferin lustig machen, da sie weder singen noch tanzen kann und sich auch sonst sehr trampelhaft anstellt.

Einen weiteren Höhepunkt stellte das Tanzpotpourti „Rü­gen" dar, in dem sich die Tänzerinnen und Tänzer der deut­schen Ostseeinsel widmeten: Die Lieder und Tänze der Insel sind mystisch und melancho­lisch zugleich, die Landschaft spiegelt sich fast sichtbar in den Bewegungen und der Musiker Gezeigt wurden unter anderen der Seehundtanz „Hal mi den Saalhund", den die Fischer am Strand tanzten, bevor sie los­zogen, um die Tiere zu jagen, so­wie der schrille Singtanz der Mädchen „Pantischenschoh". Aber auch die Trinklieder wie „Hans Naaber" (Hans Nachbar) oder der Tanz Schüttel die Büx" waren genauso wie eine Polka auf Rügener Art Teil des Pot­pourris­. Ein weiterer Tanz von der deutschen Ostseeküste ist der „Besentanz", ein Tanz mit ei­nem überzähligen Jungen, der sich und sein Können in Kunst­stücken mit dem Besen bewei­sen muss und dann den Besen fallen lassen kann sich alle anderen Männer eine ände­re Partnerin suchen müssen und so vielleicht ein anderer „mit dem Besen tanzen" muss.

Ihr akrobatisches Geschick zeigten die Tänzer weiterhin im Peitschentanz, dem Brauchtum­stanz der Peitschenmacher und Seiler, wo sie im Sitzen, Stehen und in der Hocke über die Peit­schen sprangen und die Musik mit dem Knallen der Geräte er­gänzten. Ein weiterer Tanz eines Handwerks ist der „Schustertanz", bei dem eine Reparatur am Schuh der Frau nachgeahmt wird. Dieser Tanz wurde am Samstag von der Jugendgruppe des Tanzensembles „Ihna" prä­sentiert.

Ihren Namen hat die Gruppe vom Pommerschen Fluss „Ih­na". Der Begründer der Truppe Eike Haenel, der selbst aus Pommern stammt, widmet diesem ehemals deutschen Gebiet be­sonders viel Aufwand. Das Tanz­ensemble „Ihna" ging im Jahr 1971 schließlich auch ans der Jugendgruppe der Erlanger Pom­mernjugend hervor, die Eike Haenel von seiner Mutter über­nahm. Die Erfolge in den nächs­ten Jahren sind unglaublich. Mittlerweile hat sich „Ihna" zu einer der. bekanntesten deut­schen Tanzgruppen entwickelt, die mit unzähligen Fehnsehauftritten, unter anderem in der „Superhitparade der Volksmusik" mit Carolin Reiber, und mit Auslandstourneen in Brasilien, den USA, Kanada, Mexiko, Russ­land, Südafrika und dem euro­päischen Ausland aufwarten kann. Die gezeigten Trachten der Tänzer, wie die Mönchguter Fischertracht, wurden von den Ensemblemitgliedern fast aus­nahmslos selbst geschneidert, so informierte Eike Haenel. Auch die Stickereien auf der Pyritzer Tracht wurden von den Tänze­rinnen selbst angefertigt, was mindestens ein Jahr dauert, meist sogar zwei, so Haenel.             Isd