Tanz- und Folkloreensemble "Ihna"
Schnabbuck
und Erbsbär
Zur Pflege
deutscher Volkstanztraditionen in unserer Zeit
„Die älteste Poesie eines jeden
Volkes
ist eine Verbindung von Tanz, Spiel und Gesang“, sagt Franz Magnus
Böhme in der
„Geschichte des Tanzes in Deutschland“ (Leipzig 1886).
Einen
Tanz mit Spiel und Gesang nannten
die Deutschen in ältester Zeit einen Leich (vom Gotischen laikan =
spielen,
hüpfen). Einfach, knapp und kurz sind diese alten Tanzspiellieder
gewesen,
ähnlich wie unsere heutigen Kinderreigen.
Als die Reigentänze von den
Erwachsenen aufgegeben wurden, gingen sie auf das Kinderspiel über. Ein
großer
Teil der Ringeltänze oder der Kinderreigen der Kinder haben einen
mythischen
Hintergrund und eine starke Bindung zum Märchen. Ein in Thüringen und
Franken
und in vielen Varianten über ganz Deutschland verbreiteter Kinderreigen
enthält
Erinnerungen an Frau Holda, Frau Holle : Ringel, Ringel, Reihe! Sind
der Kinder dreie, sitzen unterm Hollerbusch,
rufen alle husch, husch, husch! Das Sitzen unterm Hollerbusch
(Hollunderbusch)
in Verbindung mit Schnee und dem Schneien hat einen heidnischen
Hintergrund.
Frau Holle, Frau Holla (davon Hollabusch) ist die germanische Göttin
Frigg,
Göttin des häuslichen Herdes und der Fruchtbarkeit, die Frau Wodans und
Mutter
Baldurs, die am Fest der Wintersonnenwende umherzog. Und wenn sie ihre
Bettfedern ausschüttelt, so schneit es, erzählt das Märchen. Diese
Kinderreigen
sind also das älteste Zeugnis germanischen Leichs. Hier eine Auswahl
der
Kinderreigen, die noch heute von Kindern getanzt werden und die in
einem
besonderen Verhältnis zum Märchen stehen: „Dornröschen war ein schönes
Kind …“,
„Hänsel und Gretel“, „Die eingemauerte Königstochter“, „Des Königs
Töchterlein“, „Die Himmelstür“, „Liebe Schwester, tanz mit mir“,
„Kringeltanz
de Wide“. Bei einem dieser Spiele scheint das Mythische noch
unmittelbar zu
greifen, bei dem „Brückenspiel“. Zwei bilden durch Händereichen ein
Tor, die
Brücke. Die Kette der anderen geht darunter hindurch. Der Letzte aus
der Kette
wird gefangen und kommt zu den Engeln oder den Teufeln. Es gibt keinen
Zweifel,
dass diese Brücke die Brücke zum Jenseits ist. Die Überlieferung
bestätigt es.
Fast
zwangsläufig ergibt sich durch die
enge Verbindung zwischen Volkstanz und Märchen, dass viele
Märchensammler und
Forscher gleichzeitig Volkstänze sammelten und erforschten
und dass
viele
Volkstanzforscher sich gleichermaßen den Märchen widmeten.
Auch die
Brüder
Grimm faszinierte der Schwertertanz. Eine der ältesten
Erscheinungen im
deutschen Volkstanz sind die Kreis- und Balladentänze. Die Brüder Grimm
berichten in ihrer Sage „Die Bauern zu Kohlbeck“ vom Bauern Albrecht,
der in
der Christnacht des Jahres 1012 mit 18 Frauen und Männern einen Reigen
auf dem
Kirchhof tanzte, während der Pfarrer die Messe las. Wir
haben es hier
wahrscheinlich
mit einem gesungenen und getanzten Spiel in der Form eines Leiches zu
tun, dem
eine feste Handlung zugrunde lag.
Der
Maler Philipp
Otto Runge, geb. 1777
in Wolgast / Pommern, zeichnete die plattdeutschen Märchen „Von dem
Fischer und
syne Frau“ und „Von dem Machandelboom“ auf und stellte sie den Brüdern
Grimm
für die Erstausgabe ihrer Sammlung zur Verfügung. Als
volkstumsverbundener Sohn
seiner pommerschen Heimat forschte Philipp Otto Runge den
plattdeutschen
Liedern, Tänzen und Märchen nach, wie sie an lauen Sommerabenden von
Mädchen
und Burschen gesungen und getanzt oder in den winterlichen Spinnstuben
erzählt
wurden. Zu seiner Zeit war noch der mythisch anmutende Kulttanz „Haal
mi den
Saalhund“ üblich, bei dem sich Frauen und Männer bevor die Fischer auf
das Meer
fuhren, um den Saalhund (Seehund), den Fischräuber, zu fangen, bei den
Händen
fassten, sich im Reigen drehten und das Saalhund-Lied wie eine
Beschwörungsformel
sangen. Sie glaubten noch an die Kraft des Kreises.
Richard
Wossidlo, Märchensammler,
Volkskundler, Volkslied- und Volkstanzforscher, zeichnete
1885 die
Melodie des
Tanzes im Fischerdorf Refentin bei Wismar auf. Diese
Art Jagdtänze
scheinen
weit verbreitet gewesen zu sein.
Ernst Moritz Arndt,
geboren 1769 in
Groß-Schoritz (Rügen), sammelte Märchen und Volkstänze gleichermaßen.
Auf Rügen waren seine Tiermärchen
vom
Zaunkönig, Wiedehopf oder Kuckucksköster, vom Rotkehlchen und der
Kohlmeise,
vom Blaufuß und vom Schwarzen Storch besonders beliebt. Auch er
berichtet über
Tänze in Shetland im Jahr 1774. Dort sang man zur Reelmelodie, einer
alten
Tanzweise, Verse, die sich auf den Kabeljaufang bezogen.
Doch wenden wir uns speziell dem Tanz
und dem Volkstanz zu. Sie waren im Laufe der Zeit Funktionswandlungen
unterworfen.
Dies geschah in vier Stufen:
1.
Stufe: Tänze und Bräuche, die in der Urgemeinschaft entstanden sind
Die
Tänze haben meist naturreligiösen
Charakter und werden in vielen Lebenssituationen getanzt. Höhepunkte
sind Jagd,
Aussaat, Ernte, Frühlingsbeginn, Sonnwende, Geburt, Hochzeit und Tod.
Alle
diese Tänze sind stark religiös gebunden. Wegen ihrer Naturreligiosität
wurden
sie von der christlichen Kirche seit dem 9. Jahrhundert ständig
verboten. Da
die christliche Religion eine Wortreligion ist, stand sie diesen
tänzerischen
Relikten aus der frühen Zeit sehr skeptisch gegenüber und versuchte,
sie durch
Verbote und Verketzerungen auszurotten.
Das
ist der Kirche jedoch nicht
gelungen. Von den Bauern, die die Natur, Wind, Regen und Sonne genau
beobachteten, wurden diese Tänze bis in das 18. Jahrhundert trotz aller
Verbote
gepflegt.
Die
Feudalgesellschaft schuf sich seit
dem 12./13. Jahrhundert aus
den vorhandenen Volkstänzen höfische
Tänze, die keine Bindung mehr an
Sitte und
Brauch hatten, sondern die dem reinen Vergnügen, der reinen
Unterhaltung
dienten. Diese Tänze wurden von der Kirche geduldet. Ihre
tanzfeindliche
Haltung gab die römisch- katholische Kirche eigentlich erst in diesem
Jahrhundert auf. Bis zum 19. Jahrhundert galt der Satz: Der Tanz ist
ein Kreis,
in dessen Mittelpunkt der Teufel ist.
2.
Stufe: Die an Brauch und Sitte gebundenen Tänze
Aus den ursprünglichen Tänzen der
Urgemeinschaft entwickelten sich ab dem 10. Jahrhundert Tänze, die eng
an die
bäuerliche Sitte und das Brauchtum gebunden sind. Unter dem Einfluß der
Kirche
wurden alle offensichtlichen magischen Beschwörungsformeln und
ekstatischen
Elemente aus diesen Tänzen entfernt. So finden wir Tänze, die zur
Aussaat, und
Tänze, die nur zur Erntezeit getanzt wurden, oder Tänze, die nur zu
Hochzeiten
ihre Berechtigung hatten. Als die bäuerlichen Sitten und Bräuche immer
mehr
zurückgingen und die Industrialisierung in Deutschland einsetzte,
verloren
diese Tänze ihre Bindung an den Brauch.
3.
Stufe: Volkstänze mit rein geselligem Charakter
Die
Tänze verselbständigten sich. Sie
werden zu Kirchweihen und zu anderen Festlichkeiten getanzt, ohne dass
man sich
der ehemaligen Bedeutung noch bewusst ist. Und so entstehen Volkstänze,
die
einen rein geselligen Charakter haben. Die Volkstanzpflege, die aus der
Jugendbewegung hervorging, versucht nur die Volkstänze mit geselligem
Charakter
zu pflegen und ergänzt sie durch eigene sogenannte „Jugendtänze“.
Sie geht von der pädagogischen
Überlegung aus, die gemeinschaftsbindenden Kräfte des Volkstanzes für
ihre
Ideen zu nutzen. Und so entstehen Volkstänze, die den höfischen
Gesellschaftstänzen in Aufbau und Struktur ähnlich sind. Zwischen den
bürgerlichen und höfischen Gesellschaftstänzen und den Volkstänzen gibt
es
zahlreiche Wechselbeziehungen. Für fast alle höfischen
Gesellschaftstänze
lassen sich in der Folklore entsprechende Vorbilder finden.
Berufstanzlehrer
stilisierten diese dörflichen Vorbilder und passten sie den
Gepflogenheiten der
Gesellschaft an.
Nahezu
alle dörflichen Trachtengruppen,
Trachtenvereine, Jugendtanzgruppen, Volkstanzvereine und Schulen
pflegen heute
Tänze aus der 3. Stufe, also Tänze mit einem rein geselligen Charakter.
4.
Stufe: Choreographierte Bühnentänze
In den neuen Bundesländern entwickelte
sich zu Zeiten der DDR
eine neue
Tanzrichtung mit hervorragender wissenschaftlicher
Begleitung, nämlich eine Weiterentwicklung von
traditionellen Volkstänzen. Aus traditionellen Überlieferungen wurden
durch
kunstvolle choreographische Bearbeitungen kleine tänzerische Kunstwerke
gestaltet. Ebenso,
wie man sich ein Volkslied heute nicht mehr in
seiner
einstimmigen Form in Konzerten anhört, sondern in mehrstimmigen,
wohlüberlegten
und künstlerisch vollendeten Bearbeitungen, so kann man auch Volkstänze
in eine
kunstvolle Form bringen. Diese kunstvollen Bearbeitungen haben
professionellen
Charakter und übernehmen Bühnenfunktionen und hier wirken dann
nicht
mehr die
Gesetze des Mitmachens, sondern die ästhetischen Gesetze der
Bühne. Das
setzt
bei Tänzerinnen und Tänzern ein hohes Maß an tänzerischem Können
voraus. Und
das war in den staatlichen Tanzensembles, aber auch in vielen
Amateur-Tanzensembles
vorhanden. Leider haben die meisten dieser Ensembles die Wende nicht
überlebt.
Es lässt sich nur erahnen, welcher Verlust dadurch entstanden ist, da
auch die
sie beratenden
wissenschaftlichen Institute zum großen Teil ihre
Existenz
verloren.
Die
Tanz- und Speeldeel „Ihna“ aus
Erlangen/Deutschland ist eines der wenigen Ensembles, das Tänze aus der
2.
Stufe pflegt, also an Brauch und Sitte gebundene Tänze in ihrem
Repertoire hat
und Brauchtum und Tanz miteinander verbindet. Tänze aus der ersten
Stufe zu
pflegen, ist im Moment nicht möglich, da die Wissenschaft die Quellen
noch
nicht bereitgestellt hat, die eine praktische Bearbeitung
zulassen.
So
findet sich im Programm der „Ihna“ ein
Erntefest mit eng an das bäuerliche Brauchtum gebundenen Tänzen und der
Darstellung des gesamten Brauchtums selbst, wie es in früheren Zeiten
während
der Ernte und auf den dörflichen Erntefesten üblich war. Oder, es wird
eine
ganze Hochzeit dargestellt, die früher drei Tage und drei Nächte
dauerte. Um
Mitternacht erschienen Schimmel,
Schnabbuck und
der maskierte Führer im
langen
Mantel mit großem Lärm von der Straße her. Der Schnabbuck, ein
ziegenhaftes
Ungeheuer mit langer roter Schlappzunge und schrecklichen Zähnen im
klappenden
Unterkiefer, sorgte durch derbe Späße dafür, dass sich alle Gäste auf
Stühle
und Tische flüchteten. Ohne Schimmel und Schnabbuck war früher eine
Hochzeit im
Pyritzer Weizacker (Pommern) keine Hochzeit. Sie brachten Glück in die
Ehe. Dem
„Brutlichtertanz“ (Brautlichtertanz), der nur von Mädchen mit
brennenden Kerzen
getanzt wurde, liegt ein uralter Kult zugrunde. Die brennenden Kerzen
riefen
die Seelen der Urahnen. Sie mussten ihre Zustimmung zu dieser
Verbindung, zu
dieser Hochzeit, geben. Oder der „Rückelreih“: mit ihm wurde die Braut
aus der
Gemeinschaft der Ledigen ausgetanzt. Der Tanz zeigt das Abschiednehmen
der
Braut von den Gespielinnen und das gewaltsame Herausreißen der Braut
aus dem
Kreis der Mädchen durch die verheirateten Frauen. Ihr wird die
Hochzeitskrone
abgenommen und die Haube aufgesetzt. Erst jetzt ist die Braut „unter
der Haube“
und damit verheiratet. Das Tanz- und Folkloreensemble „Ihna“ tanzt auch
noch
den „Schwertertanz“ und zwar in einer alten bäuerlichen Form. Der
„Schwertertanz“ wird erstmals von Tacitus in der „Germania“ erwähnt. Er
ist
damit die älteste deutsche Tanzüberlieferung überhaupt.
Viele
Tänze aus dem Programm des Tanz-
und Folkloreensembles „Ihna“ haben
erzählenden Charakter. So die
getanzte Geschichte
von Hans und Liese und dem Brauch des Osterwasserholens.
Die Mädchen
mussten am
Ostersonntag vor Sonnenaufgang zu einer Quelle gehen, um Wasser zu
holen.
Gelang es ihnen, sich darin zu waschen, ohne vorher gelacht oder die
Zähne
gezeigt zu haben, so versprach ihnen der Brauch für ein Jahr besondere
Schönheit. Die jungen Burschen lauerten den Mädchen unterwegs auf und
versuchten, sie zum Lachen oder zum Reden zu bringen. Gelang es ihnen,
so war
für das Mädchen die Chance, besonders schön zu werden, für ein Jahr
vertan. In
dem Tanzpotpourri ist es Hans gelungen, die Liese so zu erschrecken,
dass sie
ihre Zähne gezeigt hat. Mit der besonderen Schönheit ist es,
zumindestens für
das kommende Jahr, vorbei. Sie ist deswegen so böse, dass sie die
Verbindung
mit Hans wieder lösen will. Erst dem „Erbsbär“, ein altes pommersches
Symbol
für Fruchtbarkeit, gelingt es, doch noch alles ins rechte Lot zu
bringen.
Das alles wird, dem inneren Geschehen
des Tanzes entsprechend, in eine Choreographie der Schritte und Gesten
umgesetzt. „Erzählend“ begleitet der Volkstanz die zyklisch
wiederkehrenden
Jahresfeste und wichtige Stationen des bäuerlichen Lebens. Mit
„Geschichten
ohne Worte“ faszinieren die Tänzerinnen, Tänzer und Musiker ihre
Zuschauer.
Eike
Haenel,
Künstlerischer Leiter des
Literaturhinweise:
Franz
Magnus Böhme: Geschichte des Tanzes in Deutschland, Leipzig 1886.
Herbert
Oetke: Der deutsche Volkstanz. Henschelverlag Kunst und
Gesellschaft, Berlin.
Richard
Wolfram: Die Volkstänze in Österreich und verwandte Tänze in
Europa. Otto Müller Verlag, Salzburg 1951.
Paul
Klein: Volkslied und Volkstanz in Pommern. Universitätsverlag
Ratsbuchhandlung
L. Bamberg.
Greifswald 1935.
Willi
Schultz: Tänze der Begegnung. Kammwegverlag. Troisdorf 1963.
Gert
Petzold: Überlieferte Sing- und Kinderspieltänze. Zentralhaus für
Kulturarbeit der
DDR. Leipzig 1970.
Alfred
Haas: Rügensche Volkskunde. Verlag Arthur Schuster. Stettin 1920.
Kurt
Petermann: Einige Probleme und Aufgaben der gegenwärtigen
Volkstanzforschung
in Deutschland. In:
Das Tanzarchiv. Jg. 9, 1961.
Herbert
Oetke: Aus der Entwicklung des deutschen Volkstanzes. In:
Theater und Tanz,
Homepage des Tanz- und
Folkloreensembles „Ihna“ (Repertoire): www.ihna.de